Ausstellung

Reich waren wir nicht, aber vornehm

Carolinensiel war vor 150 Jahren der größte Sielhafen zwischen Ems- und Wesermündung und den Seehäfen Emden und Bremerhaven. Für das gesamte nördliche Ostfriesland war der Ort das Tor zur Welt.

Aus dem Hafen kommend passierten die Schiffe noch die Friedrichsschleuse, dann fuhr die Mannschaft durch das flache Wattenmeer auf die offene See. An Land zurück blieben ihre Familien und die übrige Bevölkerung im Ort. Von der Größe her ein Dorf, sah Carolinensiel doch einer kleinen Hafenstadt ähnlich.

Um den rechteckigen Hafen und entlang der Harle gruppierten sich die bürgerlichen Häuser und zeigten ihre Schmuckgiebel, ebenso an der Mühlenstraße. Kaufleute, Werftbesitzer und Kapitäne stellten die Oberschicht, die mit dem Aufblühen der Handelsschifffahrt im 19. Jahrhundert zu erheblichem Wohlstand kam. Die Kapitäne und Steuerleute, selbst der kleinste Schiffsjunge fühlten sich den Bauern und Handwerkern im Ort überlegen, weil sie die Welt gesehen, aber auch große Gefahren überstanden hatten. Die Segelschiffe kreuzten das ganze Jahr über von einem Hafeneckigen Hafen Europas zum anderen, ohne Carolinensiel zwischendurch anzufahren. Erst im Spätherbst kamen sie nach Hause ins Winterquartier zurück. Sie brachten Waren, Souvenirs und viele Geschichten aus der Ferne mit, was das Leben am Ort prägte. Die Wohnstuben der Fahrensleute waren ausstaffiert mit Erinnerungen an die Seefahrt, und in den Kneipen saßen die Männer und erzählten von Abenteuern und Ländern, deren Namen die anderen im Zweifel nicht einmal kannten.

An Land und auf See – zwischen diesen Polen spielte sich das Leben in den Sielhäfen der ostfriesischen Nordseeküste ab. An Land und auf See – dieses Leben in zwei Welten wird auch in der Ausstellung einander gegenüber gestellt. Am Sieltor standen die Menschen wie auf der Schwelle, sie konnten über die See zum Horizont blicken, hinter dem die Welt lag. Sie konnten zum Ort schauen, wo ihr Zuhause war. Der Hafen war Mittelpunkt jedes Sielortes, es herrschte geschäftiges Treiben wie auf einem Markt. Ein- und auslaufende Segelschiffe, Fässer, Kornsäcke und Stückgüter am Kai, Fuhrwerke mit Getreide und Arbeiter beim Löschen und Beladen der Schiffe, Gruppen von Schiffsmannschaften und Kapitänen schufen eine eigene Atmosphäre, die den Orten ein fast hafenstädtisches Gepräge gab.

„Mit jeder guten Ostseereise fliegt ein neuer schöner Prämienlöffel ins Haus“, so heißt es bei Marie Ulfers. Silber im Haushalt war ein allgemein übliches Zeichen von Wohlstand. Es wurde zur Schau gestellt und galt als Wertanlage, wurde aber auch benutzt. Eine Besonderheit, die nur in den Kapitänshäusern zu finden war, waren die Prämienlöffel. Im Ostseeraum war es Brauch unter den Schiffsmaklern und Handelshäusern, den Kapitänen nach erfolgreicher Reise einen Silberlöffel zu schenken, auf dem neben dem Ort der Name des Kaufmanns vermerkt war, ein frühes Werbegeschenk also.

In fremden Häfen

Manche Kapitäne nahmen ihre Frauen mit auf die Reisen, so auch Ulrich Hanschen Ulfers. Mit seiner Frau Antke Engel fuhr er auf der Schonergaliot ANNA zahlreiche europäische Hafenstädte an. Von der ANNA sind Logbuch, amtliche Schiffspapiere, ein originales Modell und das Schiffsportrait erhalten geblieben. Sie belegen für die Jahre von 1874 bis 1882 Reisen von Norwegen und Russland bis Italien, zuletzt bis vor die brasilianische Küste, wo die Galiot Schiffbruch erlitt.

Wahre Geschichten

„Reich waren wir nicht, aber vornehm“, dieser Satz kennzeichnet sehr gut die Situation der Kapitänsfamilien. Selbst wenn ein Schicksalsschlag plötzliche Not brachte und das Geld für den geliebten Tee fehlte, „stand doch jeden Nachmittag die feine Teetasse leer auf dem Fensterbrett, in der sie zum Schein mit dem Silberlöffel rührte“, schreibt Marie Ulfers in ihrem Roman „Windiger Siel“. „Windiger Siel“ ist eine alte Bezeichnung für Carolinensiel, die die eher bodenständigen Bauern verwendeten. Er zielte nicht nur auf den ständigen Wind, sondern auch auf die windigen Sitten der Seeleute, die diese aus der Fremde mitbrachten. Die 1888 geborene Kapitänstochter führt das Leben am Siel anschaulich vor Augen und stützt sich dabei auf Geschichten, die in ihrer eigenen Familie erzählt wurden. Die Ausstellung greift darauf zurück und holt die Menschen und ihre Lebensverhältnisse um 1850 hinter der Romanfassade hervor.

Hören Sie hier einen Hörfunk-Beitrag von Jutta Przygoda:


Marie Ulfers
links: Detail eines silbernen Prämienlöffels der Firma August Müller in Riga, datiert 1842, Deutsches Sielhafenmuseum Carolinensiel
rechts: Fingerring aus ostfriesischem Goldfiligran mit Granatsteinen, 1880-1920, Museum Leben am Meer Esens

Marie Ulfers
Kapitänsbild der Schonergaliot ANNA von Marie Ulfers‘ Vater, dem Kapitän Ulrich Hanschen Ulfers, welches er sich 1874 in Venedig malen ließ, Foto: Deutsches Schiffahrtsmuseum Bremerhaven


Hörprobe "Am Kai lungern die Schnellmaler" aus "Windiger Siel" gelesen von Tomke Janssen-Funfack


Marie Ulfers
Deckenkompass aus Kapitänshaushalt, hing während der Fahrt an der Decke der Kapitänskajüte, um 1820, Privatbesitz

Marie Ulfers
Lehrbuch für die Seefahrt und Sanduhr, 19. Jh., Fehn- und Schiffahrtsmuseum Westrhauderfehn